Besuch außer Rand und Band

Der unaufmerksame Hund oder liegt das Problem ganz woanders

In letzter Zeit erwische ich mich im Hundetraining und in Gesprächen mit Kunden immer häufiger bei demselben Gedanken.

Und eigentlich fängt es immer gleich an.

Ein Hund erschrickt vor einem plötzlich auftauchenden Fahrrad. Der nächste verliert völlig den Kopf, weil hinter einer Hecke ein Mensch auftaucht. Wieder ein anderer fährt so hoch, dass an Training in diesem Moment gar nicht mehr zu denken ist.

Und nein, bevor jetzt jemand den Artikel wieder schließt: Ich glaube nicht, dass Hunde heute schlechter sind als früher. Ich glaube auch nicht, dass dafür ein einziger Grund verantwortlich ist. Dafür ist Verhalten viel zu komplex.

Aber ich frage mich immer häufiger, ob wir unsere Hunde manchmal auf eine Welt vorbereiten, die es so gar nicht gibt.

Ich glaube nämlich, dass wir alle einen entspannten Hund möchten. Mich eingeschlossen.

Einen Hund, mit dem Spaziergänge einfach schön sind. Einen Hund, der nicht an jeder Ecke explodiert. Einen Hund, bei dem man nicht ständig überlegen muss, was als Nächstes passieren könnte und bei dem man permanent die Umgebung im Blick haben muss.

Und genau deshalb versuchen wir häufig, alles möglichst angenehm zu gestalten.

Wir gehen lieber den Feldweg als durchs Dorf.

Wir gehen nicht über den Wochenmarkt.

Wir drehen um, wenn uns ein bellender Hund entgegenkommt.

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich mache das auch. Es gibt Tage, da habe ich überhaupt keine Lust auf Diskussionen oder darauf, aus jedem Spaziergang eine Trainingseinheit oder gar einen Hindernislauf zu machen.

Aber mir stellt sich die Frage, ob wir dabei manchmal vergessen, dass unsere Hunde genau dort Erfahrungen sammeln würden.

Und genau dort vielleicht der entspannte Hund entsteht, den wir uns alle wünschen.

Das Gleiche fällt mir übrigens beim Thema Grenzen auf.

Ich glaube, kaum jemand würde sagen: „Mein Hund darf einfach alles.“

Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir Grenzen immer seltener wirklich erklären.

Stattdessen versuchen wir, Situationen so zu verändern, dass sie gar nicht erst entstehen.

Die Tür zum Kinderzimmer bleibt einfach zu.

Das Brot liegt nicht mehr auf dem Tisch.

Wenn Besuch kommt, wird der Hund festgehalten.

Und bevor das jetzt falsch verstanden wird: Natürlich hat Management seinen Platz. Ich nutze es selbst. Es verhindert, dass Verhalten immer wieder Erfolg hat, und manchmal ist es sogar die Voraussetzung dafür, überhaupt trainieren zu können.

Aber Management beantwortet meinem Hund eben keine Frage und erklärt keine Regeln.

Wenn die Tür immer geschlossen ist, lernt der Hund dann wirklich, dass er dort nicht hineingehen soll? Oder lernt er einfach nur, dass sie meistens geschlossen ist?

Wenn das Brot nie auf dem Tisch liegt, weiß er dann wirklich, dass das Brot nicht für ihn dort hingelegt wurde? Oder hatte er einfach nie die Gelegenheit, genau das zu lernen?

Wenn der Hund mit 45 Kilogramm den Besuch anspringt, halten wir ihn beim nächsten Mal fest, während er noch zappelt und eigentlich dringend zu dem Besuch möchte. Hat er dann gelernt, dass man Menschen nicht anspringt, oder ist er einfach nur frustriert und nutzt im nächsten unbeobachteten Moment die erste Gelegenheit, doch wieder zum Besuch zu kommen?

Besuch außer Rand und Band

Und dann kommt etwas, worüber ich in letzter Zeit immer häufiger nachdenken muss.

Vielleicht hat das alles gar nicht nur mit unseren Hunden zu tun. Vielleicht hat es auch mit uns zu tun.

Wann hast du das letzte Mal irgendwo einfach gewartet?

Im Wartezimmer?
An der Bushaltestelle?
Im Supermarkt?

Ich erwische mich selbst dabei, wie ich in genau diesen Momenten sofort zum Handy greife.

Es gibt kaum noch Leerlauf.

Wenn mir langweilig ist, scrolle ich.
Wenn ich etwas wissen möchte, habe ich die Antwort meistens innerhalb weniger Sekunden.

Und dann zieht ein Hund ein.

Ein Lebewesen, das eben nicht nach drei Wiederholungen alles verstanden hat.

Das nicht innerhalb von zwei Tagen gelassen wird.

Das Zeit braucht.
Wiederholungen braucht.
Erfahrungen braucht.

Vielleicht fällt uns genau das heute manchmal schwerer als früher, weil unsere Welt einfach eine andere geworden ist. Auf Knopfdruck haben wir Antworten. Mit ein paar Klicks ist das neue Paar Schuhe schon vor der Haustür.

Vielleicht verändert das mehr, als uns bewusst ist.

Und dann gibt es noch einen Gedanken.

Ich frage mich manchmal, ob wir Angst davor haben, dass unser Hund uns nicht mehr mag, wenn wir ihm eine Grenze setzen.

Vielleicht fühlt sich ein Nein für uns unangenehm an.
Vielleicht möchten wir einfach, dass unser Hund glücklich ist.
Vielleicht verwechseln wir manchmal Harmonie mit einer guten Beziehung.

Und ist ein sicherer Rahmen mit einem „Das ist okay und das eben nicht.“ am Ende nicht auch Sicherheit? Ruhe? Entspannung?

Denken wir nur einmal an all die Gesetze, die unseren Alltag einrahmen und sicherer machen, sei es im Straßenverkehr oder bei Kaufverträgen. Sie geben uns Orientierung, weil wir wissen, woran wir sind. Warum sollte das bei einem Hund grundsätzlich anders sein?

Aber wenn ich an die Hunde denke, die ich als besonders sicher erlebe, dann sind das selten die Hunde ohne Grenzen.

Es sind meistens die Hunde, die wissen, woran sie sind.
Nicht, weil ihre Menschen laut sind.
Nicht, weil sie hart sind.

Sondern weil sie klar sind mit ihren Wünschen und Vorstellungen davon, wie ein gemeinsamer Alltag mit Hund aussehen darf.

Ich schreibe diesen Artikel übrigens gar nicht, weil ich glaube, die Antwort gefunden zu haben.

Eher im Gegenteil.

Mir schwirren diese Gedanken seit Wochen im Kopf herum.

Vielleicht liege ich mit manchen davon daneben.
Vielleicht gibt es noch zehn andere Gründe.

Aber genau deshalb interessieren mich eure Gedanken.

Denn manchmal beginnt die spannendste Diskussion nicht mit einer Antwort, sondern mit einer ehrlichen Frage.

Passend dazu möchtest du vielleicht diesen Artikel lesen? 
Beduerfnisorientierte Erziehung beim Hund

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert