Sozialisation und Habituation: Zwischen Wochenmarkt und Stoppelfeld

Im ersten Artikel habe ich meine Überlegungen mit euch geteilt, was Franz eigentlich können muss und was er kennenlernen sollte, weil es später ein fester Bestandteil unseres Lebens sein wird.

Nun ist er schon ein wenig bei uns und aus den Überlegungen werden langsam echte Erfahrungen.

Beim ersten Besuch in der Innenstadt war Franz noch auf meinem Arm. Beim zweiten Mal ging es zum Wochenmarkt. Dort durfte er einen Teil selbst laufen, zwischendurch bei mir sitzen und kam immer wieder auf den Arm, wenn eine Pause nötig war.

Denn nur weil ein Welpe einen Ort kennenlernen soll, muss er nicht die ganze Zeit auf seinen eigenen vier Pfoten mitten im Geschehen stehen. Manchmal reicht es, zu schauen, zu riechen und die Umgebung aus einer sicheren Position wahrzunehmen.

Wir haben außerdem drei Stunden in einem Café gesessen. Das habt ihr vielleicht schon in meiner Story gesehen.

Franz hat dort einfach geschlafen.

Das klingt erst einmal nicht besonders spektakulär, aber genau das war für mich eine wichtige Erfahrung. Um ihn herum wurde gesprochen, Geschirr klapperte, Menschen gingen vorbei und trotzdem musste er weder jeden begrüßen noch jede Bewegung verfolgen.

Er durfte einfach da sein.

Vom Wochenmarkt bis zum Stoppelfeld

Neben Innenstadt, Wochenmarkt und Café haben wir uns Wiesen, Feldwege, Stoppelfelder, Wald und Tannenschonungen angeschaut.

Wenn alles gut läuft, soll Franz später jagdlich geführt werden. Deshalb gehören für ihn nicht nur Menschen, Einkaufswagen und klapperndes Geschirr zum Alltag, sondern auch unterschiedliche Untergründe und Vegetation.

Gras fühlt sich anders an als Stoppeln, Waldboden anders als ein fester Feldweg. Dann gibt es Disteln, hohes Gras, Zweige und alles, was einem jungen Hund draußen sonst noch unter die Pfoten und vor die Nase kommt.

Auch in unserem Garten findet Franz verschiedene Gegenstände und Untergründe. Nicht als künstlich aufgebauten Abenteuerparcours, den er jeden Tag vollständig absolvieren muss, sondern einfach als Teil seiner normalen Umwelt.

Sozialisation und Habituation

Sozialisation beschreibt die Entwicklung des Sozialverhaltens und die Erfahrungen eines jungen Hundes mit Menschen, anderen Hunden und weiteren Lebewesen.

Habituation bedeutet die Gewöhnung an wiederholt auftretende Reize, die für den Hund keine besondere Bedeutung oder unmittelbare Folge haben. Dazu gehören häufig Reize der unbelebten Umwelt, zum Beispiel Geräusche, Untergründe, Gegenstände, Orte oder Bewegungen.

Durch wiederholte Erfahrungen kann die Reaktion auf solche Reize mit der Zeit schwächer werden.

Ein einmaliges Kennenlernen reicht dafür nicht zwangsläufig aus. Manche Dinge müssen in unterschiedlichen Situationen wiederholt erlebt werden, bevor sie wirklich selbstverständlich werden.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, was ein Welpe kennenlernt, sondern auch, wie er die jeweilige Erfahrung erlebt und verarbeitet.

Nicht jeder Hund muss Franz großartig finden

Pixel findet Franz bislang eher durchwachsen. In der Wohnung ist ihre Meinung häufig: Kann das weg?

Im Garten schwankt ihre Begeisterung je nach Situation zwischen „prima“ und ebenfalls „kann das weg“. Auf Spaziergängen ignoriert sie ihn meistens.

Zurzeit ist sie allerdings in ihren Stehtagen und möchte gerne Babys von ihm. Entsprechend zauberhaft wird plötzlich gespielt und mit Franz geflirtet.

Trotz ihrer wechselnden Begeisterung kann ich mich darauf verlassen, dass Pixel Franz angemessen maßregelt und reguliert. Wenn er zu aufdringlich wird oder auf die Idee kommt, in ihre kuschelige Rute zu beißen, darf sie ihm durchaus mitteilen, dass das keine besonders gute Idee war.

Auch solche Erfahrungen gehören für mich zur Sozialisation.

Ein Welpe muss nicht nur lernen, wie gemeinsames Spiel funktioniert. Er muss ebenso lernen, die Signale anderer Hunde wahrzunehmen und zu akzeptieren, wenn ein erwachsener Hund gerade keinen Kontakt möchte oder eine Grenze setzt.

Wichtig ist mir dabei, dass erwachsene Hunde Welpen nicht grundsätzlich nur ätzend finden. Die schlechten Erfahrungen kommen im Leben oft ganz von allein. Die muss ich nicht bewusst üben und meinen Welpen auch nicht jedem Hund aussetzen, damit er angeblich etwas fürs Leben lernt.

Eine angemessene Rückmeldung gehört dazu. Ein erwachsener Hund, der einen Welpen dauerhaft einschüchtert, verfolgt oder unverhältnismäßig hart reagiert, ist dagegen kein geeigneter Sozialpartner.

Welpenschutz gibt es nicht

Der sogenannte Welpenschutz ist kein allgemeingültiger Schutz, durch den erwachsene Hunde jedem Welpen automatisch freundlich und nachsichtig begegnen.

Wie ein erwachsener Hund auf einen Welpen reagiert, hängt vom einzelnen Hund, von der Situation, seinen bisherigen Erfahrungen und natürlich auch vom Verhalten des Welpen ab.

Ein sozial kompetenter erwachsener Hund kann einen Welpen freundlich behandeln, ihn ignorieren, ihm ausweichen oder ihm angemessen eine Grenze setzen. Darauf, dass jeder fremde Hund einen Welpen automatisch verschont, sollte man sich jedoch nicht verlassen.

Zur Sozialisation gehört deshalb nicht nur, dass ein Welpe andere Hunde trifft. Ebenso wichtig ist die Auswahl geeigneter Kontakte.

Wir haben außerdem die Hunde einer Freundin getroffen, zwei erwachsene und wirklich nette Golden Retriever. Mit ihnen konnte Franz ganz selbstverständlich gemeinsam unterwegs sein. Sie waren freundlich, sozial und nicht übermäßig an ihm interessiert. Er durfte mitlaufen, beobachten und Kontakt aufnehmen, ohne dass daraus sofort wildes Spiel werden musste.

In der kommenden Woche steht ein Treffen mit der jungen Hündin einer Freundin an. Sie ist eine Woche jünger als Franz und wir sind gespannt, wie die beiden miteinander umgehen werden.

Mir geht es dabei nicht darum, dass Franz möglichst viele Hunde trifft. Er soll unterschiedliche und möglichst passende Erfahrungen sammeln: mit erwachsenen Hunden, mit ähnlich alten Welpen, mit Hunden, die spielen möchten, und genauso mit solchen, die keinen Kontakt wollen.

Sozialkompetenz entsteht für mich nicht dadurch, dass ein Welpe zu jedem Hund hinlaufen darf.

Besuch außer Rand und Band

Menschen dürfen einfach Menschen sein

Was für Franz noch wichtig ist, sind viele unterschiedliche Menschen.

Allerdings vor allem Menschen, die ihn nicht beachten.

Er soll lernen, dass Menschen ein ganz normaler Teil seiner Umwelt sind. Sie können vorbeigehen, irgendwo stehen, reden, lachen, Taschen tragen oder sich ungewöhnlich bewegen, ohne dass daraus jedes Mal ein Kontakt entstehen muss.

Franz muss nicht von jedem Menschen angefasst, angesprochen oder begeistert begrüßt werden. Für sein späteres Leben ist es deutlich hilfreicher, wenn Menschen zunächst einmal neutral sein können.

Sie sind da und Franz kann trotzdem weitergehen, schnüffeln, schauen oder sich mit etwas anderem beschäftigen.

Andere Tierarten gehören ebenfalls dazu

Auf unserer Liste stehen außerdem Pferde, Kühe, Hühner und Kaninchen.

Auch sie sollen für Franz später nichts völlig Besonderes sein. Es geht dabei nicht darum, ihn möglichst nah heranzuführen, sondern darum, dass er sie in Ruhe beobachten kann und ihre Anwesenheit aushalten lernt.

Gerade weil er später jagdlich geführt werden soll und wir ländlich leben, gehören solche Begegnungen zu seinem Alltag.

Bei Hühnern und Kaninchen kommt noch etwas anderes dazu: Sie können für einen Jagdhund schnell deutlich spannender sein als eine Kuh auf der Weide. Deshalb geht es nicht nur um Gewöhnung, sondern auch darum, früh einen ruhigen und kontrollierten Umgang mit solchen Reizen aufzubauen.

Besuch außer Rand und Band

Was später selbstverständlich sein soll

Zur Gewöhnung gehören für mich nicht nur Orte, Geräusche und verschiedene Untergründe.

Auch Halsband und Geschirr sollen für Franz selbstverständlich sein. Er ist zu Hause und im Garten viel nackt unterwegs, trägt aber ebenso regelmäßig ein Halsband oder Geschirr. Nicht, weil er beides ständig braucht, sondern weil es später nichts Besonderes sein soll.

Wenn er etwas älter ist, wird auch ein Maulkorb dazukommen. Nicht erst dann, wenn er ihn plötzlich wirklich tragen muss, sondern vorher, in Ruhe und ohne Zeitdruck.

Dasselbe gilt für einen Trichter. Auch den soll Franz kennenlernen, obwohl er ihn hoffentlich lange nicht braucht. Denn nach einer Verletzung oder Operation ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, einem Hund zum ersten Mal etwas Ungewohntes über den Kopf zu ziehen.

Manche Dinge übe ich deshalb nicht, weil sie gerade notwendig sind, sondern damit sie später, wenn sie notwendig werden, möglichst wenig zusätzlichen Stress verursachen.

Wir haben außerdem das Outdoor Office ausprobiert. Franz durfte erste Erfahrungen damit sammeln, während meiner Arbeit in seiner Box zu warten, denn sowohl ein Hundetrainerhund als auch ein Jagdhund müssen eines ziemlich gut können:

Warten.

Das fällt ihm tatsächlich deutlich schwerer als neue Orte, Menschen oder Untergründe. Auf meinem Schoß ruhen und entspannen ist gar kein Problem. Allein in der Box oder mit etwas Abstand zu mir sieht die Sache anders aus.

Die ausführliche Geschichte dazu hebe ich mir allerdings für den nächsten Artikel auf.

Keine Liste zum Abhaken

Ein Einkaufszentrum möchten wir uns noch anschauen und auch im Wald werden wir natürlich weitere Erfahrungen sammeln.

Denn Wald ist nicht gleich Wald. Unterschiedliche Wege, Gerüche, Untergründe und Geräusche können sich für einen Welpen ganz verschieden anfühlen.

Genau deshalb ist unsere Liste auch keine Checkliste, auf der nach einem einzigen Besuch ein Haken gesetzt wird.

Wochenmarkt: erledigt.

Wald: erledigt.

Menschen: erledigt.

So funktioniert Gewöhnung nicht.

Erfahrungen dürfen wiederholt werden. Sie dürfen sich verändern und mit Franz mitwachsen. Ein ruhiger Wochenmarkt am Vormittag ist schließlich eine andere Erfahrung als ein voller Markt am Wochenende. Ein Spaziergang auf einem breiten Waldweg fühlt sich anders an als ein schmaler Weg durch dichtes Unterholz.

Bei all diesen Erlebnissen achte ich darauf, dass Franz nicht überfordert wird.

Im ersten Artikel habe ich bereits darüber geschrieben, dass es nicht darum geht, einem Welpen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu zeigen. Daran hat sich nichts geändert.

Ein wenig Stress ist nicht automatisch schlecht. Neue Eindrücke, kleine Herausforderungen und ungewohnte Situationen gehören zur Entwicklung dazu. Entscheidend ist aber, dass der Welpe sie bewältigen kann und anschließend genug Zeit bekommt, das Erlebte zu verarbeiten.

Deshalb läuft Franz auf dem Wochenmarkt einen Teil selbst und kommt zwischendurch auf den Arm. Deshalb darf er im Café schlafen, statt alle Menschen zu begrüßen. Und deshalb muss nicht jeden Tag der nächste große Punkt auf unserer Liste stattfinden.

Neue Erfahrungen brauchen Pausen.

Und dafür braucht es vor allem eines:

Schlaf, Schlaf, Schlaf.

Im nächsten Artikel geht es deshalb genau darum.

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