Sitzstreik: Wenn der Welpe einfach nicht weitergeht

Ich war mit Franz in einem Einkaufszentrum unterwegs.

Wir liefen ein Stück, Franz blieb stehen und setzte sich hin.

Und anstatt ihn sofort zu locken, einen Keks aus der Tasche zu holen oder ihn irgendwie zum Weitergehen zu bewegen, habe ich erst einmal überlegt:

Warum sitzt der Hund eigentlich?

Denn Welpen bleiben aus ziemlich unterschiedlichen Gründen stehen. Manchmal ist gerade etwas neu oder merkwürdig und muss erst einmal angeschaut werden. Manchmal sind sie müde. Manchmal finden sie den Untergrund unter ihren Füßen ziemlich bescheiden.

Und manchmal haben die kleinen Monster auch einfach sehr schnell gelernt, dass Sitzenbleiben erstaunlich zuverlässig dazu führt, dass der Mensch plötzlich lustig wird, lockt, ruft und vielleicht sogar noch einen Keks hervorzaubert.

Bevor ich also entscheide, was ich mit meinem sitzenden Welpen mache, muss ich erst einmal herausfinden, warum er dort sitzt.

Erst mal gucken

In einem Einkaufszentrum gibt es für einen Welpen ziemlich viel zu sehen.

Menschen laufen vorbei, Türen öffnen sich automatisch, irgendwo piept etwas, Einkaufswagen rollen über den Boden und vielleicht glänzen die Fliesen auch noch merkwürdig.

Wenn Franz sich in so einer Situation hinsetzt und schaut, dann lasse ich ihn erst einmal schauen.

Ich bleibe stehen und warte.

Das bedeutet nicht, dass wir jetzt für die nächsten 45 Minuten gemeinsam den Eingang zu H&M bewachen. Aber ein Welpe darf einen Moment brauchen, um einen neuen Reiz einzuordnen.

Meistens passiert nach einer Weile etwas ziemlich Unspektakuläres: Franz hat fertig geguckt, steht auf und geht weiter.

Und dann gehen wir eben weiter.

Ich muss ihn dafür nicht unbedingt locken, permanent ansprechen oder ihm zeigen, dass ich einen Keks dabeihabe. Denn eigentlich möchte ich gerade gar nichts von ihm, außer ihm die Möglichkeit zu geben, diese Situation in seinem Tempo wahrzunehmen.

Vielleicht sind die kleinen Beine einfach fertig

Es gibt aber auch einen ziemlich banalen Grund für den Sitzstreik:

Der Welpe kann nicht mehr.

Vielleicht war die Runde ausnahmsweise zu lang. Vielleicht war vorher schon viel los. Vielleicht waren die neuen Eindrücke anstrengender, als ich gedacht habe.

Und auch wenn so ein Welpe mit seinen langen Beinen irgendwann schon ziemlich erwachsen aussieht, ist er immer noch ein Baby.

Wenn wir bereits eine halbe Stunde unterwegs waren und ich merke, dass Franz einfach kaputt ist, nehme ich ihn auf den Arm.

Fertig.

Ich muss aus dieser Situation keine Trainingseinheit machen und ihm auch nicht beweisen, dass ein Spaziergang erst zu Ende ist, wenn man ihn vollständig auf den eigenen vier Pfoten bewältigt hat.

Manchmal hat man sich verschätzt. Dann darf der Welpe getragen werden.

Dieser Boden ist eine Zumutung

Manchmal liegt das Problem direkt unter den Pfoten.

Glatte Fliesen, Gitter, Kies, Stoppeln, nasses Gras oder pieksiger Untergrund können sich für einen Welpen völlig anders anfühlen als alles, was er bisher kennt.

Dann behandle ich das zunächst genauso wie einen anderen neuen Reiz.

Ich bleibe stehen und gebe Franz Zeit.

Vielleicht setzt er vorsichtig eine Pfote auf den neuen Untergrund, zieht sie wieder zurück, schaut noch einmal und läuft dann doch weiter. Vielleicht braucht er beim nächsten Mal weniger Zeit.

Genau darum geht es bei Gewöhnung: Nicht darum, den Welpen möglichst schnell über etwas hinwegzuziehen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen damit zu sammeln.

Ein einmaliges Darüberlaufen bedeutet noch lange nicht, dass der Untergrund ab sofort völlig selbstverständlich ist.

Und dann gibt es noch die schlauen kleinen Monster

Nun kann es aber auch passieren, dass ich wirklich keinen vernünftigen Grund finde.

Franz ist nicht müde. Er wirkt nicht unsicher. Der Untergrund ist bekannt. Vor uns passiert nichts Besonderes.

Und trotzdem sitzt der Herr dort und schaut mich erwartungsvoll an.

Auch dann lohnt es sich, kurz zu überlegen, was bisher passiert ist, wenn der Welpe stehen geblieben ist.

Vielleicht habe ich mich hingehockt.

„Komm Franz! Komm! Na komm!“

Vielleicht habe ich einen Keks hervorgeholt.

Welpe kommt drei Schritte.

Keks.

Welpe setzt sich wieder.

Der hat schließlich gerade gelernt, wie dieses Spiel funktioniert.

Welpen sind nicht manipulativ. Aber sie sind ziemlich gut darin, Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens zu lernen.

Wenn Sitzenbleiben regelmäßig dazu führt, dass der Mensch Aufmerksamkeit, Animation oder Futter liefert, kann Sitzenbleiben sich eben lohnen.

In so einer Situation locke ich Franz nicht.

Ich bleibe stehen, halte die Leine ruhig und kann einen ganz leichten, gleichmäßigen Zug entstehen lassen. Nicht rucken, nicht ziehen und schon gar nicht den Welpen hinter mir herschleifen.

Es soll lediglich nicht wahnsinnig gemütlich sein, dort bis zum Abend sitzen zu bleiben.

In dem Moment, in dem Franz selbst wieder in meine Richtung kommt, ist der Zug weg und wir gehen gemeinsam weiter.

Die vier Lernquadranten

Beim Lernen passiert im Grunde immer eines von zwei Dingen:

Etwas lohnt sich. Oder etwas lohnt sich nicht.

Ob sich ein Verhalten für den Hund lohnt, entscheidet sich darüber, was danach passiert. Dabei kann entweder etwas dazukommen oder etwas wegfallen. Und genau daraus ergeben sich die vier Lernquadranten.

Positive Verstärkung

Etwas Angenehmes kommt dazu und das Verhalten wird wahrscheinlicher.
Franz kommt zu mir, bekommt einen Keks und Wiederkommen lohnt sich.

Negative Verstärkung

Etwas Unangenehmes fällt weg und das Verhalten wird wahrscheinlicher.
Beim Sitzstreik entsteht ein leichter Zug auf der Leine. Sobald Franz selbst wieder losgeht, verschwindet dieser Zug.

Negative Bestrafung

Etwas Angenehmes fällt weg und das Verhalten soll dadurch seltener werden.
Ich kuschle mit Franz und er beißt mir sehr fest in die Hände. Ich beende das Kuscheln und entziehe ihm damit etwas, das er gerade gerne hatte.

Positive Bestrafung

Etwas Unangenehmes kommt dazu und das Verhalten soll dadurch seltener werden.
Franz kaut am Stuhl. Ich unterbreche ihn körperlich, indem ich ihn beispielsweise anfasse oder wegbewege. Wenn diese Konsequenz dazu führt, dass er künftig seltener am Stuhl kaut, handelt es sich lerntheoretisch um positive Bestrafung.

„Positiv“ und „negativ“ bedeuten dabei nicht gut oder schlecht. Sie beschreiben nur, ob etwas hinzugefügt oder weggenommen wird.

Entscheidend ist außerdem nicht nur, was ich als Mensch beabsichtige, sondern was mein Hund tatsächlich daraus lernt.

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Natürlich lernt ein Hund nicht nur über diese vier Quadranten. Darauf schauen wir in einem der nächsten Artikel noch einmal genauer.

Sitzen und glotzen ist fein

Gerade in einer unbekannten Umgebung versuche ich deshalb langsam zu gehen und mich nicht zu hetzen.

Wenn Franz stehen bleibt und schauen möchte, darf er erst einmal sitzen und glotzen. Ich möchte, dass er die Möglichkeit hat, einen neuen Raum in einer möglichst entspannten Stimmung zu erkunden und ihn auch wieder so zu verlassen.

Wenn ich dagegen schon hektisch durch die Gegend laufe, an der Leine ziehe und Franz irgendwie hinterherkommen muss, wird aus all den neuen Umweltreizen ziemlich schnell einfach nur Stress.

Das bedeutet nicht, dass jeder Ausflug tiefenentspannt sein muss. Natürlich kann etwas aufregend sein und ein bisschen Stress gehört dazu.

Aber ich möchte nicht, dass die gesamte Erfahrung aus Eile, Zug auf der Leine und „komm jetzt endlich“ besteht.

Deshalb lautet die Devise bei uns:

Sitzen und glotzen ist fein. Langsam weiterlaufen auch. Wegrennen und den Welpen hinterherziehen ist eine ziemlich doofe Idee.

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