Ein Welpe zieht ein
Uiuiui, ein Welpe zieht ein
In all der Trauer und all dem Vermissen zieht ein Welpe ein. Neues Leben, neue Möglichkeiten und vor allem neue Energie. Voller Lust aufs Leben und Entdeckertum. Alles ist neu, alles ist spannend und die Welt ist einfach ein großer Abenteuerspielplatz.
Und in meinem Kopf wird gerade mit Konfetti geworfen.
Bunt und lustig, aber auch ein Chaos …
Was soll der Welpe nur als Erstes lernen? Was ist wichtig und was können wir später machen? Was muss jetzt schon sein und was darf jetzt auf alle Fälle noch nicht? Wie wird das mit der Stubenreinheit? Und was, wenn er einfach anders ist als erwartet?
Der letzte Junghund, der einzog, war so gar nicht das, was ich erwartet hatte.
Ouzo …
Und schon wieder steigt die Traurigkeit hoch und dämpft die Millionen Fragen, die in meinem Kopf um den Welpen kreisen.
Aber zurück zum Thema: Der Welpe zieht ein.
Die erste Frage, die ich meinen Kunden stelle, lautet:
Was erwartet ihr von eurem Hund? Was sind die Must-haves und No-Gos?
Denn wenn das etwas klarer ist, dann wird auch schnell deutlich, dass es nicht zuerst um Leinenführigkeit oder Sitz geht. Sondern um so etwas wie:
Soll nicht das Grundstück verlassen.
Darf nicht aufs Sofa.
Soll entspannt im Büro sein.
Muss alleine bleiben können.
Soll keine Gäste anspringen. Wichtig vor allem, wenn man ein Geschäft mit Kundenverkehr hat.
Muss Auto fahren können.
Muss sich mit anderen Hunden verstehen.
Muss sich mit Kindern verstehen.
Muss überall mit hinkönnen, ohne dass er immer mit muss.
Und so weiter und so fort.
Und dann fällt auf, dass das ganz schön viele Erwartungen sind. Und viele große Themenfelder, die viel Arbeit brauchen.
Mein Welpe muss mit zur Arbeit
Nun habe ich das Glück, einen Job zu haben, der draußen stattfindet und in dem Hunde eher nicht ungewöhnlich sind. Aber nichtsdestotrotz muss der Welpe hier auch ein paar Dinge können, die Hunde zum Beispiel in einem Büro ebenfalls können müssen.
Menschen und andere Hunde links liegen lassen.
Nicht jeder, der reinkommt oder vorbeigeht, wird begrüßt. Nicht jeder Hund ist zum Spielen da und nicht jeder Mensch ist zum Beknuddeln aufgetaucht.
In der Regel sind Kunden und auch Arbeitskollegen nicht dort, um dem Welpen zu huldigen und ihn in den Mittelpunkt zu stellen, sondern aus anderen Gründen.
Also: Was steckt dahinter und wie bekomme ich es?
Denn am Anfang sind alle Menschen eher darauf aus, das neue Familienmitglied kennenzulernen und zu kuscheln. Natürlich sollen sie das auch. Und der Hund soll Menschen schließlich auch nicht schlimm finden.
Also scheidet der eigene Besuch und gegebenenfalls auch das Büro schon einmal aus. Denn dort werden die Menschen den Hund begrüßen.
Also wo finde ich Leute, die sich nicht für meinen Hund interessieren?
Damit mein Welpe lernen kann, dass manche Menschen Kuscheln bedeuten, aber die meisten Menschen eher nicht.
Ab ins Leben, in die Stadt oder an Orte, an denen Menschen wenig Zeit haben. Zum Beispiel an den Busbahnhof, wenn sie zur Arbeit fahren, oder auf den Wochenmarkt, wenn sie eigentlich nur ihren Einkauf im Sinn haben.
Natürlich wird es immer Leute geben, die trotzdem stehen bleiben, lächeln oder fragen, ob der Hund gestreichelt werden darf. Aber dann liegt es an mir und an dem, was der Welpe gerade zeigt, wie ich darauf eingehe.
Manchmal werde ich sagen: „Okay.“ Und ein anderes Mal: „Danke, lieber keinen Kontakt.“
Wenn der Mensch dann auch noch einen ziehenden, bellenden und knurrenden Hund dabeihat, werde ich den Kontakt eher ablehnen.
Als verantwortliche Erwachsene habe ich meinem Welpen gegenüber eine Fürsorgepflicht. Ich möchte für ihn eine sichere Basis sein, von der aus er Dinge erkunden und die Welt kennenlernen kann.
Gleichzeitig nehme ich mir als „Erziehungsberechtigte“ aber auch die Freiheit heraus zu sagen: Nein, das jetzt nicht.
Sei es der kläffende und knurrende Hund oder der Dönerrest, der auf der Straße liegt.
Sichere Bindung bedeutet nicht, alles zu erlauben
Hunde können ihre Bezugsperson als sichere Basis nutzen, von der aus sie ihre Umwelt erkunden. Wird eine Situation schwierig oder beängstigend, kann dieselbe Person auch als sicherer Hafen dienen.
Zu einer verlässlichen Beziehung gehört für mich deshalb auch, Situationen einzuschätzen, Schutz zu bieten und dort Entscheidungen zu übernehmen, wo der Welpe sie noch nicht selbst treffen kann.
Alleinbleiben soll normal sein
Von meinem Welpen brauche ich später außerdem, dass er gut allein bleiben kann. Sei es im Auto, während ich arbeite, oder zu Hause, wenn er nicht mitkann.
Das Alleinbleiben beziehungsweise das Alleinwarten ist einfach ein Punkt, ohne den es bei mir im Alltag mit Hund nicht geht.
Aber wie fange ich damit an? Trainiere ich das gezielt oder ist es am Ende eher ein Nebenprodukt des Alltags?
Zurzeit ist der Plan, den Welpen immer mal wieder allein zu lassen, wenn es gerade in den Alltag passt. Mit Pixel, ohne Pixel, zu Hause, im Auto.
Kleine Momente, in denen die Badezimmertür einfach einmal geschlossen ist. Kleine Momente, in denen ich am Rechner sitze, so wie jetzt, arbeite und nicht ansprechbar bin. Kleine Momente, in denen ich den Briefkasten leere oder den Müll rausbringe.
Einfach nur für kurze Zeit nicht erreichbar sein und anschließend ohne große Sache wiederkommen.
Es ist normal, dass ich manchmal nicht da bin. Aber ich komme immer wieder.
Und dann gibt es auch kein riesiges Bespaßen und kein großes Hallo. Ich bin einfach wieder da.
Wird es funktionieren?
Ich gehe erst einmal davon aus, denn bei meinen anderen Hunden hat es auf diese Weise sehr gut geklappt.
Pixelmaus und auch Ouzo können in ein neues Hotelzimmer kommen. Ihr Bett steht dort und nach zehn Minuten kann ich das Zimmer verlassen, ohne dass etwas kaputtgeht oder das ganze Hotel Mitleid bekommt, weil der Hund so erbärmlich jault.
Ob es bei diesem Welpen genauso funktionieren wird, weiß ich natürlich noch nicht. Vielleicht braucht er andere Schritte, mehr Zeit oder an manchen Stellen doch mehr gezieltes Training.
Aber der Plan bleibt erst einmal derselbe: Alleinsein soll nichts Besonderes sein, sondern ein ganz normaler Teil des Alltags.
Jeden Tag ein neues Abenteuer?
Werde ich jeden Tag etwas Neues machen?
Nein, zumindest nicht gezielt.
Aber am Anfang wird wahrscheinlich trotzdem jeden Tag etwas Kleines neu sein. Der Welpe ist schließlich gerade ausgezogen und kennt nicht einmal sein neues Zuhause.
Geplante größere Dinge wie der Wochenmarkt oder ähnliche Ausflüge werden nicht jeden Tag stattfinden. Aber vermutlich doch mehrmals in der Woche.
Warum?
Weil das Leben nun einmal so ist.
Wenn wir nicht auf dem Land, sondern mitten in der Stadt wohnen würden, wären Menschen, Fahrräder, Autos und all die anderen Reize auf jedem Spaziergang völlig normal. Mit Hunden in Hamburg und London habe ich dazu durchaus einige Erfahrungen gesammelt.
Dort begegnet ein Welpe nicht erst am Wochenende hundert Menschen, sondern einfach jeden Tag. Das gehört zum Leben dazu.
Und auch ein Dorfhund darf lernen, dass es Orte gibt, an denen mehr los ist als auf dem Feldweg hinterm Haus.
Trotzdem wird der Welpe vorgeben, wie schnell wir dabei vorgehen und wie häufig solche Ausflüge stattfinden.
Und warum es manchmal trotzdem ein bisschen stressig sein darf…
Ein bisschen Stress darf sein
Stress ist nicht automatisch schlecht. Ein gewisses Maß an Aktivierung kann die Aufmerksamkeit und Leistung beeinflussen. Mehr Aktivierung ist dabei aber nicht automatisch besser: Welche Intensität hilfreich oder bereits störend ist, hängt vom Hund und von der jeweiligen Situation ab.
Wird die Aufregung zu groß, kann die Leistungsfähigkeit / Leistbarkeit wieder sinken. Das wird häufig mit dem Yerkes-Dodson-Gesetz beschrieben: Welches Aktivierungsniveau günstig ist, hängt auch davon ab, wie schwierig die jeweilige Aufgabe ist.
Wo der passende Bereich liegt, ist individuell und hängt auch davon ab, wie schwierig oder neu eine Situation für den Welpen ist. Deshalb darf ein Ausflug spannend und auch ein wenig stressig sein. Der Welpe sollte dabei aber noch in der Lage sein, seine Umwelt wahrzunehmen und die Situation zu bewältigen.
Zeit zum Ankommen
Was mir dabei wichtig ist: dem Welpen Zeit zu geben.
Zeit, sich zu akklimatisieren, und Zeit, wieder zu entspannen.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich mit Welpi auf dem Wochenmarkt sitzen werde, bis er sich entspannen kann. Vielleicht dauert es zehn Minuten, vielleicht eine Stunde.
Im besten Fall kann er sich so weit entspannen, dass er vielleicht sogar einschläft und die Umgebung zunehmend als normalen Teil seines Lebens kennenlernt.
Ich möchte ihm Zeit geben, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und wieder zur Ruhe zu finden. Wenn es mitten auf dem Wochenmarkt zu viel ist, können wir an den Rand gehen, Abstand schaffen oder ihm in der Tasche beziehungsweise auf meinem Arm einen geschützten Platz anbieten.
Vielleicht ist aber auch alles fein und er ist einfach eine coole Socke.
Muss er dort die ganze Zeit selbst laufen?
Nein, muss er nicht.
Es wird eine Tragetasche für Hunde geben, aus der er sicher die Welt beobachten kann. Aber es wird natürlich auch Momente geben, in denen ich ihn auf dem Arm trage, und Momente, in denen er selbst läuft, erkundet und sich mit der Umgebung auseinandersetzt.
Es geht also nicht darum, ihn mitten in den Trubel zu setzen und abzuwarten, bis er irgendwie damit klarkommt. Ich kann die Intensität verändern, ohne den Wochenmarkt gleich wieder zu verlassen.
Auf keinen Fall wird er ausschließlich zu Hause oder auf einsamen Feldwegen ohne Kontakte unterwegs sein. Ich möchte, dass er unterschiedliche Orte, Menschen, Geräusche und Situationen kennenlernt und dabei erlebt, dass er sie bewältigen kann.
Gut zu wissen: Was Resilienz eigentlich bedeutet
Resilienz zeigt sich nicht darin, dass ein Hund von Belastungen völlig unbeeindruckt bleibt.
Sie beschreibt vielmehr seine Fähigkeit, sich an Herausforderungen anzupassen und sich nach belastenden Situationen wieder zu erholen.
Bewältigbare Erfahrungen können dazu beitragen, dass ein Hund lernt, mit Neuem und Aufregung umzugehen. Wie resilient er später ist, hängt jedoch nicht nur von solchen Ausflügen ab. Auch seine Veranlagung, seine frühen Erfahrungen, seine Umwelt und viele weitere Faktoren spielen dabei eine Rolle.
Und jetzt?
Jetzt zieht er erst einmal ein.
Mit meinen Plänen, meinen Erwartungen und ziemlich sicher eigenen Ideen dazu, wie unser gemeinsames Leben aussehen wird.
Vielleicht wird vieles genauso funktionieren, wie ich es mir gerade vorstelle. Und vielleicht wird dieser Welpe an einigen Stellen einen anderen Weg brauchen.
Ouzo hat mir nicht nur das Leben bunter und aufregender gemacht. Er hat mir auch beigebracht, genauer hinzusehen und einen Hund nicht an dem zu messen, was ich mir vorher ausgedacht hatte.
Also werde ich hinschauen, anpassen, klar bleiben und trotzdem offen dafür sein, wer dieser kleine Hund eigentlich ist.
Und wahrscheinlich wird dabei noch ziemlich viel Konfetti fliegen.
Bald geht es weiter mit „Der Schnappschildkröte“ – Welpen beißen und Beißhemmung.
