Ich schrei doch gar nicht

Du gehst mit deinem Hund spazieren und dauernd zieht er an der Leine. Deine Schulter schmerzt, die Leute schauen und schütteln den Kopf, manche fragen: „Wer geht denn da mit wem?“ und wieder andere verziehen das Gesicht. Du bist traurig und enttäuscht und merkst, dass du langsam wütend wirst. Aber noch sind zu viele Leute da und krampfhaft hältst du die Leine so kurz es geht, damit es nicht so auffällt. Dann schaffst du es um die Ecke, da ist niemand und du lässt all deine Wut raus, dein Hund schaut dich an und versteht die Welt nicht mehr. Leider versteht er auch nicht, warum du ihn auf einmal so anbrüllst und an der Leine ruckst und auch nicht warum du auf einmal so sauer bist.

Kennst du das im Leben mit deinem Hund? Warum werden wir so emotional?

Als erstes schauen wir mal nach der Frage „Warum schreien wir eigentlich?“

Durch eine laute Stimme drücken wir Emotionen aus, nicht nur Wut und Zorn, auch Trauer, Enttäuschung und Freude lassen unsere Stimme lauter werden.

Durch eine laute Stimme in einem Konflikt versuchen wir Dominanz auszudrücken und unser gegenüber einschüchtern. Das ist ein Überbleibsel aus unserer evolutionären Geschichte. Unsere Vorfahren haben sich große gemacht und geschrien, wenn sie einem gefährlichen Tier gegenüberstanden. Je größer und lauter die waren, desto bedrohlicher wirkten sie. Schreien und groß machen schreckt also ab.

Wir versuchen mit unserem Schreien die Situation unter Kontrolle zu bekommen, da wir unser Gegenüber einschüchtern durch unsere Lautstärke. Dies ist aber, wenn es nur aus heißer Emotion geschieht, eher ein Zeichen für Kontrollverlust. Wir schreien, um dadurch stärker zu wirken.

Oftmals sind Sätze wie „Sonst verstehst du ja nicht was ich sage“ oder „Ich schreie, weil du ja sonst nicht zuhörst“ eine Begründung.

Manchmal schreien wir, weil wir Angst haben und uns in eine Ecke gedrängt fühlen. Oder weil die Wut überwiegt. Es sind immer Emotionen beteiligt, die uns aus der Fassung bringen.

Wir fressen es in uns hinein und irgendwann platzt es dann aus uns heraus. Das Problem wird so lange weggedrückt, unterdrückt, innerlich klein geredet, entschuldigt oder runtergeschluckt bis es nicht mehr geht. Dann platzt es aus uns heraus und der Wutanfall ist da, mit schreien und toben.

Eigentlich wollte man nur den Streit und den Konflikt vermeiden, aber zwangsläufig führt unser vorheriges unterdrücktes Verhalten dazu, dass wir genau diese laute Auseinandersetzung dann haben. Und schon sind wir in dem Kreislauf gefangen: „Ich schreie, weil du ja sonst nicht zu hörst.“

Gerade auch in der Hundeerziehung passiert es häufig, dass wir den Hund nicht so sehr einschränken wollen. Oder wir glauben, dass wir unseren Hund nicht einschränken können.

„Er darf doch auch mal schnüffeln.“ 

„Er zieht ja nur ein bisschen.“

„Es ist ein Rüde, er pinkelt halt.“

Und dann stört es uns in manchen Momenten so sehr, dass wir ausflippen und den Hund anschreien.

Dies ist dann aber unfair. Bis lang durfte der Hund schnüffeln, pinkeln, an der Leine ziehen, … und aus dem nichts wird sein Mensch wütend und unberechenbar.

Unsere Emotionen haben wir meistens so lange unterdrückt, weil dort andere Menschen waren oder weil wir ein Problem damit haben, unseren Hund einzuschränken oder auch weil es anstrengend sein kann, die Mütze aufzuhaben und konsequent und gleichbleibend für unseren Hund zu sein.

Aber dann kommt die Wut.

„Ich hab es ihm doch schon 1000 mal erklärt.“

„Der ist so dämlich.“

„Warum schnallt er es nicht?“

Und diese Enttäuschung und diese Wut führt zu unserem Schreien. Wir spüren einen Kontrollverlust und sind persönlich enttäuscht von unserem Hund.

Wenn wir unserem Hund genau vermitteln, was wir möchten, dann kann unser Hund sich auch an unsere Regeln halten. Ich kann meinem Hund helfen, dass er sich in allen Situationen angemessen verhält, aber nur, wenn ich ihm sage, was ich erwarte und möchte. Wenn die Wut erst einmal da ist, ist es für uns fast unmöglich selbstbestimmt und beherrscht aufzutreten. „Blind vor Wut“ sein, führt dazu, dass wir, ohne darüber nachzudenken, andere anschreien, verletzen und unfair behandeln.

Unterdrückte Gefühle (Ich zeige meinem Hund nicht, was er eigentlich machen soll, weil da Leute sind) führen uns nirgendwo hin, im Gegenteil, sie vergiften uns und schaden uns und anderen. Handle in dem Moment wo das Verhalten deines Hundes nicht passt und nicht erst, wenn niemand zu schaut.

Überlege dir, was du von deinem Hund möchtest und bleibe dann bei deinem Plan. In Ruhe, mit viel Zeit und wohlwollend. Dann schreist du auch gar nicht.

 

 

 

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